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Hospizbewegung-Hilden :: Nachrichten
Hospiz-Nachrichten Nr. 22 (2015)

"Mein Tod gehört mir."

"Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte mir nicht den Nahrungsersatz mit Kanülen oben einfüllen und die Exkremente mit Gummihandschuhen unten wieder rausholen lassen. Ich möchte nicht vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern. Und ich möchte ganz allein entscheiden, wann es soweit ist und ich nicht mehr will, ohne Bevormundung durch einen Bischof, Ärztepräsidenten oder Bundestagsabgeordneten." Udo Reiter, 4.1.2014 sz.de

"Ich muss wissen, dass ich Herr im eigenen Haus bin." "Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie, es kränkt mich, ich bin traurig, ich will weg. Ich will niemanden mehr sehen." Wolfgang Herrndorf: Blog Arbeit und Struktur, Einträge vom 30.4.2010 und 3.7.2013

"Wenn Sie der freiwilligen Sterbehilfe nicht zustimmen, machen Sie keinen Gebrauch von ihr, aber bestreiten Sie nicht mein Recht, sie zu nutzen." Bob Dent, 09/1996

Das sind Zitate von Menschen, die ihr Selbstbestimmungsrecht über ihr Leben einfordern.

Etwa 10.000 Menschen, die sich jedes Jahr für den Freitod entscheiden, begeben sich damit auf Konfrontationskurs mit einer Allianz aus Kirchenvertretern, Ärztefunktionären und Politikern, die seit Jahren eine Mehrheit von etwa 70% in der Bevölkerung, die diesem Selbstbestimmungsrecht zum Durchbruch verhelfen wollen, in Schach halten (zitiert nach Udo Reiter).

Das Selbstbestimmungsrecht der Bürger wird sonst gerne bei jeder möglichen Gelegenheit hervorgekramt und als unverzichtbar bezeichnet. Ich selbst stehe vollständig zu den Zitaten und zu den daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen. Ich sehe, dass die Helfer einen rechtlichen Schutz vor Strafverfolgung haben müssen, wenn sie dem, der nach eigener Bestimmung aus dem Leben gehen will, dabei helfen.

Udo Reiter, Wolfgang Herrndorf und Gunter Sachs ("jene Bedrohung – die Krankheit A – galt mir schon immer als einziges Kriterium, um meinem Leben ein Ende zu setzen" frei zitiert nach dem Abschiedsbrief von G. Sachs, vorgelegt von seiner Witwe) wollten sterben, sie wollten aber mit ihrem Tod keine Dritten traumatisieren, die sie auffinden werden. Andere wollten sicher nicht, dass der Lokführer, vor dessen Zug sie sich warfen, seinen Beruf nicht mehr ausführen kann, weil er dieses eine Bild nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Nein, sie wollten "bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich danach sanft einschlafen lässt" (Reiter).

Diesen selbstbestimmten Tod in der erwünschten Weise konnten sie alle drei nicht realisieren, deswegen griffen sie zu einer Waffe als letztem Ausweg, inklusive der Traumatisierung derer, die sie aufgefunden haben.

Diesen Weg verbaut die o.a. Allianz mit einer ganzen Reihe von Geboten, Gesetzen und Vorschriften. Den Weg, den die prominenten Protagonisten gegangen sind, können andere nicht gehen, weil sie so ohne Weiteres nicht an Waffen gelangen und dieser Weg natürlich auch wieder illegal ist. Die große Mehrheit der Sterbewilligen "beenden ihr Leben nicht in Würde und ohne unnötiges Leid. Sie müssen aus Fenstern springen, an Brückenpfeiler fahren oder – das macht die Hälfte dieser jährlichen 10.000 – sich an Bäumen oder Fensterkreuzen aufhängen. Drei werfen sich jeden Tag vor einen Zug". (Reiter)

Die Diskussion um die Sterbehilfe wurde im Zusammenhang mit dem 66. Deutschen Juristentag (September 2006) erneut geführt mit dem Focus auf gesetzlichen Regelungen zur Sterbehilfe und der Frage der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen. Übrig geblieben davon ist die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen und die darin enthaltenen Möglichkeiten von Abbrüchen einer Behandlung oder der Änderung von Behandlungszielen. Hier hat sich der BGH 2010 mit einem Urteil hinter diese Möglichkeiten gestellt. Bis heute gibt es in der Folge allerdings immer noch kein spezielles Gesetz zur Sterbehilfe. Liberale Mediziner haben bisher durchaus die Möglichkeit gehabt, Sterbewilligen mit ausweglosen Prognosen Medikamente zur eigenen Nutzung zur Verfügung zu stellen. Allerdings gab es bei der Organisation der Ärzteschaft von Kammer zu Kammer dazu die unterschiedlichsten Positionen. Hierzu – mit dem Ziel, Rechtssicherheit zu schaffen – gibt es jetzt auf Initiative der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen, weiter betrieben durch den Gesundheitsminister, im Bundestag vier Gruppenanträge, die vom kompletten Verbot bis zur liberalen Erlaubnis unter Ausschluss der kommerziellen Nutzung alles beinhalten.

Man muss kein Prophet sein, um das Ergebnis voraus zu sehen. Die von Reiter beschriebene Allianz und die von dort in Marsch gesetzten Lobbytruppen werden eine liberale Lösung zu verhindern wissen. In diesem Falle sind die 70% der Bevölkerung, die für die Liberalisierung sind, in den Augen der Mächtigen uninformiert, nicht auf der Höhe der Diskussion oder einfach nur nicht beachtenswert.

Der Tagesspiegelautor Prosinger kommentiert am 6.7.2015 im Netz das Selbstbild des Bundestages als eine Einrichtung, die mit beachtlicher Würde und Offenheit ohne Fraktionszwang über 4 Anträge beschließen wolle: "…die Töne waren unangemessen schrill, die Plattitüden zahlreich und die demagogischen Floskeln erbärmlich… dass Ärzte den Sterbenden die Verzweiflung nehmen sollten, aber nicht das Leben; dass Menschen an der Hand des anderen, aber nicht durch die Hand des anderen sterben sollten – das Pathos dieser Rhetorik hilft niemandem, und es wird durch die jahrzehntelange Wiederholung nicht erträglicher".

Unbestritten muss bleiben, dass der Cocktail, den Reiter wollte, nicht in falschen Händen landen darf, um gegebenenfalls das Erben zu beschleunigen. Dazu sind Vorschriften nötig, um auch den Helfer zu schützen.

Aber die Vermutung ist stark, dass es den selbsternannten Eliten eher um die Deutungshoheit über Begriffe wie Menschenwürde, Selbstbestimmung, Leben und Tod geht. Bemerkenswert ist hierbei, dass es unter gar keinen Umständen um individuelle Zuordnungen geht, sondern dass es um den allgemeinen Begriff geht, den man ideologisch befrachten und damit gegebenenfalls auch als Waffe benutzen kann.

Die Vermutung ist deswegen so stark, weil allein die schiere Anzahl derer, die ihr Leben beenden, so unfassbar gering ist, dass es diesen gewaltigen Aufmarsch in keiner Form erklären könnte, es sei denn es geht wieder einmal einzig um Macht und deren Erhaltung.

Eine Fernsehsendung mit Udo Reiter kurz vor seinem Selbstmord unterstreicht meine Vermutung. Er war in die Sendung gekommen, um auf sein Selbst¬bestimmungsrecht zu verweisen und stellte auch fest, dass er keinerlei Verallgemeinerung wolle, die wegen der absolut geringen Zahl auch gar nicht angemessen sei. Die Art und Weise, in der die anderen Teilnehmer über Reiter hergefallen sind, wird für mich unvergesslich bleiben, dies insbesondere in der Person von Henning Scherf, dem ehemaligen regierenden Bürgermeister des Landes Bremen, den ich bis dahin wegen der von ihm vertretenen Positionen bezüglich der Selbstbestimmung im Alter sehr hoch geschätzt hatte.

Die Kritik von Kirchenvertretern aller Richtungen hingegen war erwartbar und wird hier von mir nicht kommentiert, obwohl auch sie nicht von Menschlichkeit und Wärme getragen war.
 
Heiner Thormeyer, ehrenamtlicher Vorstand in der Hospizbewegung Hilden


Udo Reiter  *28.03.1944 – gestorben durch die eigene Hand
am 09.10.2014, deutscher Journalist, Mitbegründer und Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks von 1991 bis 2011
 
Wolfgang Herrndorf *12.06.1965 – gestorben durch die eigene Hand
am 26.08.2013, deutscher Schriftsteller
 
Gunther Sachs *14.11.1932 – gestorben durch die eigene Hand
am 07.05.2011, deutscher Industriellenerbe, Playboy aber auch anerkannter Fotograf und Dokumentarfilmer


 
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