Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Mehr dazu finden Sie in der Datenschutzerklärung

Cookies benutzen
Hospizbewegung-Hilden :: Nachrichten
Hospiz-Nachrichten Nr. 9 (2008)

Die Stunde Null tragen Sie ein


Bericht einer Ehrenamtlichen aus Berlin

Eine wertvolle Erfahrung war für mich die Begleitung einer achtundsiebzigjährigen Patientin, die an einem Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüse) erkrankt war mit Metastasen in Wirbelsäule und Knochen. Wir begegneten uns zum ersten Mal in ihrer sehr schönen Wohnung, die palliative Chemotherapie war abgesetzt, sie wurde versorgt von einer Sozialstation, ihrer behandelnden Ärztin und einem Homecare-Arzt. Die Patientin empfing mich beim ersten Besuch persönlich an ihrer Tür, von ihrer Krankheit gezeichnet, sportlich gekleidet, heiter und strahlend, sofort bereit, einen persönlichen Kontakt aufbauen zu wollen.

Ich lernte eine Frau kennen, die eingebunden in ein von ihr gut geknüpftes soziales Netz, bereit war, ihren letzten Weg bewusst so zu gehen, wie sie ihr Leben gelebt hatte, konsequent, erhobenen Hauptes, mit großer innerer Stärke, aber auch mit großer Heiterkeit.

Ich begleitete ihren Weg etwas mehr als ein viertel Jahr zunächst in ihrer Wohnung, dann in einem Hospiz bis zu ihrem Tod, wir sind einander sehr nahe gekommen.
Die Patientin war kein Mensch, der stark vom Glauben geprägt war, sie war kritisch und skeptisch, wurde dennoch jede Woche von einem befreundeten adventistischen Pfarrer besucht, der ihr Bibelstellen vorlas, mit dem sie diskutierte. Waren seine Mitteilungen zu ermüdend, wurde er ausgeladen.

In den letzten Minuten ihres Lebens war dieser Pfarrer bei ihr und gab ihr den letzten Segen.

Sie wollte den ihr vorgegebenen Weg mit seinen Verpflichtungen so gut wie möglich gehen. Klärungen in der Familie, Testament, Verfügungen, Anzeigen, Begräbnis, alles hatte sie bis ins kleinste Detail geregelt. Auch die emotionale Herausforderung dieses Weges wie Angst Trauer, Unsicherheit und Hoffnung nahm sie an und versuchte, sie zu bewältigen. Viel sprachen wir über Spiritualität, über unseren Hospiztag, über "Angenommensein", "Zugehörigkeit", über die Suche nach Sinn und Kraft. Sie war bereit für Ideen, Anregungen, bereit sich Wege anzuhören und darüber nachzudenken. Die Vorstellung, wohin sie gehen würde, beschäftigten sie sehr, blieb aber ihr Geheimnis.

Wir sprachen viel über ihren verstorbenen Mann, den sie sehr geliebt hat, ihre Tochter, die nicht in Berlin lebte und selten kam, von ihren Enkelkindern und Freundinnen. Die Choreographie ihres letzten Weges war faszinierend, immer wusste sie frühzeitig, wann eine Phase neuen Loslassens begann, wann eine nicht mehr zu haltende Situation geändert werden musste, sie war offen für Vorschläge, neue Möglichkeiten, immer wieder musste sie lernen, selbständiges Leben abzugeben. Von so vielem musste sie sich trennen, von der selbständigen Versorgung zum fahrbaren Mittagstisch – zunächst mit Skepsis betrachtet, dann voller Freude erwartet, - von der geliebten Wohnung, um noch früh genug bei schwindenden Kräften in ein Hospiz zu gehen. Selbst die Führung ihres "goldenen Buches", ihres wichtigen Terminkalenders, der sie immer begleitete und der ihr Leben bestimmte, übergab sie zum Ende mir, als das Schreiben versagte mit den Worten: "Die Stunde Null tragen Sie ein."

Klaglos, fast heiter vollzog sie diese Schritte, das Loslassen vom eigenständigen Leben. Sie wusste, sie konnte nicht in ihrer vertrauten Umgebung sterben, aber sie hatte die Einsicht, diese neue kleine Welt zu akzeptieren und lieb zu gewinnen. Sie beschloss, sich wohl zu fühlen im Hospiz, in ihrem von den Schwestern adventlich geschmückten Zimmer. Auf Grund ihres Wesens wurde sie verehrt und geschätzt. Nie beklagte sie ihr Schicksal, auf die Frage wie es ihr gehe, antwortete sie immer strahlend "gut!" Ein Spruch aus dem Sanskrit, den ich ihr zu Anfang gab: "Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben allen Lebens" hat sie begleitet, er lag immer neben ihr.

Zum Schluss, als die Lebenskräfte nachließen, schien der Blick nach vorn gerichtet, man ahnte, dass sie den Körper bald zurücklassen würde, sie schlief viel und wurde immer stiller. Es war eine Gnade für den Pfarrer und mich, dass wir bei ihr sein konnten, als sie friedlich ihren letzten Atemzug tat.

Von den Schwestern im Hospiz wurde ihr ein wunderschöner Abschied bereitet mit Blumen, Musik und Gesprächen. Sie fand ein Ende, wie sie es in ihrem Leben vorgegeben und sich gewünscht hatte.

(gelesen von Anneliese Becker aus ‚Nachrichten Parität’ Berlin)



Inhalt
Seite 2
Seite 3
Seite 4
Seite 5
Seite 6
Seite 7
Seite 8
Seite 9
Seite 10
Seite 11
Seite 12
Seite 13
Termine für Ehrenamtliche
Öffentliche Termine